Natrium-Pentobarbital

Nach Urteil des Bundesverwaltungsgerichts: Sanftes Sterben durch Erwerb von Natrium-Pentobarbital möglich?

Natrium-Pentobarbital – Anspruch auf Erlösung von menschenunwürdigem Leid trotz Sterbehilfeverbot in Deutschland?

Für schwerkranke und leidende Menschen besteht nun auch in Deutschland die Hoffnung, trotz generellem Sterbehilfeverbot, ihre letzte Reise selbstbestimmt antreten zu dürfen. Nach einem aktuellen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig (BVerwG 3 C 19.15 – Urteil) dürfe Personen zumindest „in extremen Ausnahmesituation“ der Erwerb von Medikamenten, so beispielsweise der Kauf von Natrium-Pentobarbital zum Zweck eines sanften Freitods nicht versagt werden. -> direkt zur aktuellen Pressemitteilung des Bundesverwaltungsgerichts

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Erwerb von Natrium-Pentobarbital darf in Einzelfällen nicht verweigert werden

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig unter dem Aktenzeichen BVerwG 3 C 19.15 vom 02. März 2017 darf einer schwererkrankten Person der Kauf einer zur Selbsttötung geeigeneten Substanz bzw. eines Betäubingsmittel, welches in einer Überdosierung zu einem schmerzfreien Tod führt, wie es bei dem zu der Stoffklasse der Babiturate gehörende Natrium-Pentobarbital der Fall ist, in außerordentlichen Einzelsituationen durch den Staat Deutschland nicht verboten werden.

Zu dieser Entscheidung gelangte das Bundesverwaltungsgericht nachdem ein Mann, in Namen seiner bereits im Februar 2005 verstorbenen Ehefrau, gegen die Ablehnung eines Antrags beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Genehmigung des Kaufs einer tödlich wirkenden Dosis eines Betäubingsmittel  klagte. Üblich bzw. sinnvoll wäre hier die Bewilligung zur Beschaffung von 15g Natrium-Pentobarbital gewesen. Den Antrag hatte die unheilbarkranke Patientin im November 2004 gestellt. Abgelehnt wurde Selbiger im Dezember 2004 durch genannte Stelle.

Wunsch durch Einnahme von Natrium-Pentobarbital sanft aus dem Leben zu scheiden blieb Patientin zunächst verwehrt

Die Frau des Mannes war nach einem schweren Unfall von einer durchgehende medizinische Versorgung und Pflege abhängig gewesen. Eine beinahe vollständige Querschnittslähmung, welche von häufigen Krampfanfällen begleitet wurde, verursachten bei der Patientin ausgeprägte Schmerzen. Außerdem musste sie künstlich beatmet werden.  Auf Grund dieser für sie unerträglichen und entwürdigend erscheinenden Gesamtsituation wollte sie selbstbestimmt sterben. Dieser Wunsch blieb ihr leider zunächst wegen besagter Ablehnung verwehrt.

Daraufhin reiste die betroffene Patientin gemeinsam mit ihrem Mann in die Schweiz, wo sie von einem dort agierenden Sterbehilfeverein kompetent und würdevoll in den Freitod begleitet wurde. Die Frau starb auf eigenem Wunsch schmerzfrei, selbstbestimmt und aus ihrer Sichtweise würdevoll im Februar 2005. Dieses durch die Einnahme einer tödlichen Dosis Natrium-Pentobarbital. Leider konnte ihr Heimatland Deutschland, welches sich als fortschrittlicher und auf das Wohl des einzelnen Menschen bedachter Staat beschreibt, ihr diesen letzten Wunsch nicht erfüllen. Unser Nachbarstaat allerdings war dazu sehr wohl in der Lage.

Grundlage der Entscheidung des Bundesverwaltungsgericht zur Frage der Erwerbsfähigkeit von tödlich wirkenden Präparaten wie Natrium-Pentobarbital

Das Bundesverfassungsgericht in Leipzig vertritt mit seinem Urteil BVerwG 3 C 19.15 die Ansicht, dass sich aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrechts, basierend auf Artikel 2 Absatz 1 des Grundgesetzes, in Verbindung mit Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes auch das Recht einer schwerkranken Person ergibt eine selbstbestimmte Entscheidung über den eigenen Tod hinsichtlich Ausführungsart und Zeitpunkt  treffen zu können. Vorraussetzung hierfür ist jedoch die Möglichkeit zur selbstständigen und bewussten Willensbildung und Willensäußerung. Außerdem muss die betreffende Person noch die Fähigkeit des eigenverantwortlichen und selbstständigen Handelns besitzen.

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Das Gericht erkannte damit die Meinung des Klägers als zutreffend an, dass in diesem speziellen Fall der Antrag auf Erwerb einer tödlichen Dosis eines geeigneten Betäubingsmittel wie das üblicherweise verwendete Natrium-Pentobarbital bewilligt hätte werden müssen. Die Verweigerung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte war somit rechtswidrig. Das Institut hätte eine auf diesen speziellen Fall ausgelegte Überprüfung einleiten müssen. Im Nachhinein ist diese Überprüfung allerdings nicht mehr möglich.

Des Weiteren äußerte sich das Bundesverwaltungsgericht dahingehend, dass der Kauf von tödlich wirkenden Medikamtentdosen nach aktueller Rechtslage „grundsätzlich“ nicht erlaubt werden kann, hiervon aber sehrwohl Ausnahmen für unheilbar kranke Menschen möglich sein müssen, wenn diese basierend auf ihrem unerträglichen Leid unter Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte entschieden haben, ihr Leben beenden zu wollen. Dieses ergäbe sich nach Meinung des Gerichts aus dem in Deutschland gültigen Selbstbestimmungsrecht einer Person.

Über den genauen Klagehergang und Wortlaut können Sie sich in der Pressemitteilung des Bundesverwaltungsgerichts informieren. Von entscheidender Bedeutung ist hier der letzte Absatz. Außerdem erscheint in den nächsten Wochen das Urteil des Gerichts auf dessen Webseite.

Urteil über die Möglichkeit des Erwerbs von potentiell tödlichen Medikamenten wie Natrium-Pentobarbital veranlasst Patientenschützer umgehend zu reagieren.

Das Urteil des Bunderverwaltungsgerichts wird von Patientenschützern heftig kritisiert, da nach ihrer Auffassung eine abschließende, objektive Feststellung des Leids einer Person nicht zu verwirklichen ist. Das Ausmaß einer unerträglichen Leidenssituation ist nicht messbar und rechtlich nicht klar zu definieren und somit objektiv nicht zu beurteilen.

Fazit zum Urteil bezüglich der Möglichkeit des Erwerbs von tödlichen Dosen eines Betäubingsmittel

Vielleicht ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, den das Bundesverwaltungsgericht mit seinem Urteil bezüglich des Zugangs zu potentiell tödlich wirkenden Medikamenten, wie dem zum Zweck der Selbsttötung bei schweren und unheilbaren Krankheiten von ausländischen Sterbehilfevereinen oft verwendetem Natrium-Pentobarbital, macht. Eventuell ebnet dieser Beschluss weitere Entscheidungen, die auch in Deutschland ein menschenwürdiges und schmerzfreies Sterben einfacher ermöglichen und welche die nötigen Substanzen unter gegebenen Vorraussetzungen besser zugänglich machen. Ein wünschenswertes Szenario für alle Betroffenen.

Zweifelsfrei stimmt die Aussage der Kritiker, dass das Leid einer Person nicht objektiv messbar ist. Ich frage mich nur ob das überhaupt nötig ist. Sollte man den betroffenen Personen nicht soviel Eigenständig einräumen um alleine entscheiden zu können ob ihr Leiden für sie persönlich weiterhin erträglich ist oder nicht.

Sollte nicht jeder Mensch ganz alleine über sein Leben und damit auch über seinen Tod bestimmen können? Wäre es kein erstrebenswerter Fortschritt Menschen das friedvolle und schmerzfreie Sterben zu ermöglichen, das Tieren schon lange gewährt wird? Wäre es nicht sinnvoll wenn Medikamente, wie das zur sanften Selbsttötung geeignete Natrium-Pentobarbital, einfacher erhältlich wären?   Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare und Meinungen.

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Natrium-Pentobarbital – Brücke ins Jenseits

Quellen:
http://www.n-tv.de/politik/Gericht-haelt-Sterbehilfe-fuer-moeglich-article19727605.html
http://www.bverwg.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung.php?jahr=2017&nr=11

5 Gedanken zu „Nach Urteil des Bundesverwaltungsgerichts: Sanftes Sterben durch Erwerb von Natrium-Pentobarbital möglich?“

  1. Natürlich muss es einen erwaschsenen Menschen im Besitzt seiner geistigen Kräfte erlaubt sein selbst über seinen Tod zu bestimmen! wer in aller Welt will sich da einmischen… das ist eine unglaubliche Bevormundung es nicht zu zu lassen!

    1. Ja, das denke ich auch. Und leider muss ich manchmal annehmen, dass es bei der Bevormundung von schwerkranken Patienten, die sich einen selbstbestimmten und würdevollen Tod wünschen, nicht um den Schutz dieser Menschen geht, wie es oft dargestellt wird, sondern vielmehr um wirtschaftliche Aspekte. Denn die Versorgung eines schwerkranken Patienten ist mit der Einnahme von sehr viel Geld verbunden. Die tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital kostest dagegen vielleicht ein paar Euro. Da ist der ein oder andere Verantwortliche vielleicht schon mal geneigt, dass eigentliche Leid des Patienten zu übersehen, Ethik und Moral in ihren Begrifflichkeiten stark zu dehnen, und sich vielmehr auf die Verdienstmöglichkeiten durch diesen Menschen zu konzentrieren.

      1. Ich bin in einem höheren Alter, in dem das Problem der Sterbehilfe mit einem ensprechendem Präparat akut ist. Als Staatbürger verlange ich, daß ich meinen Sterbewunsch vollziehen kann, wenn für mich die Lebensqualität nicht mehr ausreichend ist. Es ist eine ungeheure Arroganz und „Gottesanmaßung“, wenn andere Menschen oder der „Staat“ darüber verfügen wollen, wann ich sterben soll! Lebensqualität ist sehr subjektiv und kann nicht von irgendwelchen fremden Beauftragten gemessen werden, sondern nur von mir selbst. Ich verlange, daß ich mein Sterben in einer mir gefälligen Umgebung mit dem bestmöglichen Präparat durchführen kann. Eine diesbezügliche gesetzliche Vorgabe ist unverzüglich herzustellen.
        Gottfried

        1. Wenn man wie ich im höheren Alter COPD 4 hat und kämpft und kämpft und keine Verbesserung möglich, ist es eine Beruhigung das man weiß, das wenn der Punkt gekommen ist, den Kampf beenden kann!

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